Von ziehenden Kranichen, raschelnden Pappelblättern und vom Gehenlassen einer Jahreszeit
– Auch wenn es heute 20 Grad werden, weht in der Luft doch eine erste Herbstnote mit – und ein Blick in den Himmel mit ziehenden Kranichen und Wildgänsen zeigt, wie viel Fülle im Erleben der Jahreszeiten wohnt. | Jede Woche ein Denkanstoß von Ulrike Scheuermann
in den vergangenen Tagen hat es in Berlin geregnet, der Boden verströmt feuchten Erdgeruch, und die Tage werden merklich kürzer. Über dem Berliner Umland ziehen trompetende Kranichformationen. Ihre Rufe hallen über das Land, wenn sie in der Morgendämmerung von den stillen Seen zu ihren Futterwiesen aufbrechen und abends zurückkehren, fast wie Flugzeuge im Landeanflug. Auch die Wildgänse sammeln sich jeden Morgen in der Dämmerung auf dem Wasser, sprechen sich lautstark ab, bevor sie schnatternd gemeinsam aufsteigen. Was sie sich wohl zurufen?
Ein wehmütiges Gefühl begleitet mich dabei: der Abschied von den hellen, langen Sommertagen. Und zugleich eine Vorfreude auf das Kommende, Frische.
Was das bewusste Wahrnehmen von Jahreszeiten mit uns macht
Umweltpsychologische Forschung zeigt, wie eng unser Wohlbefinden mit dem bewussten Wahrnehmen von Natur zusammenhängt: Nicht das Wissen über die Natur stärkt unsere erfüllende Verbundenheit mit ihr am meisten, sondern Kontakt, Emotion und das Wahrnehmen von Schönheit: berauschende Farben, ziehende Vögel, wechselndes Licht.
Jede Jahreszeit hat ihre eigene Qualität, ihre eigene Stimmung. Diese Vielfalt in unseren Breitengraden so intensiv erleben zu können, empfinde ich als unendlich kostbar – und sie erinnert uns daran, dass Wandel zum Leben dazugehört.
3 Wege, den Übergang in den Herbst leichter zu machen
- Sich vom Sommer lösen, vielleicht auch mit Wehmut, Melancholie, sogar Trauer: Was war besonders schön, was du jetzt nur noch im Herzen trägst?
- Den Herbst als eigene Jahreszeit mit voller Zustimmung willkommen heißen, mit seinen besonderen Farben, Gerüchen und Geräuschen: Welchen ersten Herbstduft riechst du heute, draußen? Welches Ritual gehört für dich zum Herbst?
- Sich an frühere Herbste erinnern: Welche Bilder und Gefühle tauchen auf, wenn du an Herbste früherer Jahre zurückdenkst? Bis in das intensive Erleben deiner Kinder-Herbstzeiten?
Wenn du heute nur eine Sache tust
- Draußen, am besten morgens, mit deinen Sinnen eine einzelne Herbstwahrnehmung einfangen: der erste kühle Windzug auf den Wangen, der Geruch von modrigem Holz zwischen nassen Blättern, das papierne Rascheln der Pappelblätter.
Ein Gedicht, das mich beim beginnenden Herbst immer neu anrührt
Herbsttag
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
Rainer Maria Rilke beschreibt die Vollendung des Sommers, die Verlorenheit des Menschen und den Ausblick auf den Winter. Ich finde darin die ganze Stimmung des Jahreszeitenwechsels: das Innehalten, das Anerkennen dessen, was war, bevor etwas Neues beginnt.
Der Herbst bringt Klarheit, Abkühlung und ein neues Licht mit sich. Ihn willkommen zu heißen, wie jede Jahreszeit, macht das Jahr reicher.
Herbstliche Grüße,
deine
Ulrike
+++
Quellen – woher die Zahlen stammen und wie man sie einordnen kann
- Lumber, R., Richardson, M., & Sheffield, D. (2017). Beyond knowing nature: Contact, emotion, compassion, meaning, and beauty are pathways to nature connection. PLOS ONE, 12(5).
--> Zwei Fragebogenstudien (n = 321) und eine experimentelle Interventionsstudie (n = 72). - Rainer Maria Rilke: „Herbsttag“, in „Das Buch der Bilder“ (1902)
+++
Mehr von mir zum Lesen und Hören:
- Perfekt passende Folge zu diesem Denkanstoß 😉 in meinem Podcast „Ein gutes Gefühl“: Raus ins Grüne – warum uns die Natur so gut tut“: direkt bei Sinnsucher mit Booklet-Download / bei Spotify / bei Apple Podcast
- Ulrike Scheuermann: Endlich ganz gesund – dein Leben lang. YUNA, Verlagsgruppe Penguin Random House / Random House Audio. 2026.
Der Denkanstoß
Jeden Sonntag schreibe ich einen Denkanstoß: mit psychologischen Impulsen – zu Logosynthese®, persönlicher Entwicklung, Verbundenheit und ganzheitlicher Gesundheit. Gründlich recherchiert, wissenschaftlich belegt und mit 30 Jahren Erfahrung als Psychologin fundiert – dazu Gedanken zu KI, Schreiben und gesundem Arbeiten.
Immer aus meinem eigenen Kopf, nicht aus dem einer KI.
