Warum die Wirkung echt ist – und wo sie ausgenutzt wird
– Der Placebo-Effekt ist eine reale und gründlich erforschte Wirkung – ausgelöst durch Erwartung und frühere Erfahrung. Das machen sich aber auch manche zunutze, um mit Heilsversprechen teure, wirkungslose Produkte zu verkaufen. | Jede Woche ein Denkanstoß von Ulrike Scheuermann
Lange hatte ich eine recht vage Vorstellung vom Placebo-Effekt. Ich dachte an eine Einbildung, fast einen Selbstbetrug, wenn ein Mittel eigentlich wirkungslos ist. Und ich dachte, es gehe dabei nur um Tabletten.
Beides stimmt so nicht. Und ich finde es aus verschiedenen Gründen wichtig, darüber zu informieren. Wir können den Effekt für uns anwenden. Und manche nutzen ihn gezielt aus – mit Heilsversprechen, die vor allem ein Ziel haben: ein gutes Geschäft. Der Markt ist dafür riesig.
Heute schreibe ich deshalb einen Aufklärungs-Denkanstoß, in der Hoffnung, dass auch für dich Neues dabei ist.
Wie der Placebo-Effekt wirkt
Das Wichtigste an diesem seit über zwei Jahrhunderten erforschten Effekt: Erwartung und Erfahrung setzen im Körper echte Prozesse in Gang – so etwa bei Schmerz, Übelkeit, Angst, teils auch beim Immunsystem. Die lateinische Vokabel „Placebo“ bedeutet „ich werde gefallen“ – der Begriff steht für ein Mittel, das Mut machen soll, auch wenn keine Heilung mehr zu erwarten ist.
Die bislang umfassendste Auswertung, eine Cochrane-Studie aus dem Jahr 2010, wertete rund 200 placebokontrollierte Studien am Menschen aus. Einen pauschalen Placebo-Effekt über alle Krankheitsbilder hinweg fand man nicht, jedoch war der Effekt teils erheblich bei Schmerzen und bei Beschwerden, die wir selbst einschätzen, etwa Übelkeit oder Angst.
„Placebokontrolliert“ heißt, eine Gruppe erhält ein Scheinmittel (bei klassischen Medikamentenstudien ist das meist eine Tablette mit Milchzucker), eine andere Gruppe bleibt unbehandelt, ohne dass die Teilnehmenden wissen, was sie bekommen.
Der Effekt zeigt sich überall dort, wo wir uns Besserung erhoffen: etwa bei einer Spritze, bei Nahrungsergänzung oder einem neuen Verhalten. Nehmen wir eine Weile Kurkuma-Kapseln, können sich die Abwehrkräfte tatsächlich stärker anfühlen, und das kann eine reale Wirkung sein.
Warum die Wirkung wieder abflaut und was sich mit dem Placebo-Effekt vermischt
Nach einiger Zeit lässt die Wirkung oft nach – häufig, weil auch die Erwartung selbst nachlässt: Was am Anfang neu ist und bewusste Aufmerksamkeit bekommt, wird mit der Zeit zur Routine. Genau diese Aufmerksamkeit gehört aber zu dem, was den Effekt ursprünglich mit auslöst.
Zwei Effekte lassen eine wahrgenommene Wirkung oft größer erscheinen, als sie ist, weil sich hier Effekte vermischen:
- Wir ändern selten nur eine Sache. Nehmen wir Kurkuma-Kapseln, achten wir vermutlich überwiegend gerade auch insgesamt mehr auf uns, haben vielleicht mehr Zeit, weniger Stress. Dieses Muster ist als „Healthy-Adherer-Effekt“ bekannt: Wer ein Mittel gewissenhaft einnimmt – und sei es ein Placebo –, pflegt im Schnitt auch sonst einen gesünderen Lebensstil. Eine Auswertung von 21 Studien mit knapp 47.000 Teilnehmenden fand dadurch sogar eine niedrigere Sterblichkeit bei den gewissenhaften Placebo-Einnehmenden.
- Ein zweiter unterschätzter Effekt heißt „Regression zur Mitte“: Wir holen uns meist genau dann Hilfe, wenn es uns besonders schlecht geht. Danach bessert es sich häufig ohnehin, weil Beschwerden in Wellen verlaufen.
Die machtvolle Wirkung von Erwartung
Wie stark Erwartung wirken kann, zeigte vor über 220 Jahren der britische Arzt John Haygarth: Er behandelte Rheuma-Patienten mit hölzernen Nachbauten der teuren „Perkins-Metallstäbe“, die angeblich heilende Ströme leiten sollten und von Perkins teuer verkauft wurden. Die Wirkung war identisch mit der der echten Stäbe. Diese Untersuchung von 1799 gilt als eine der ersten placebokontrollierten Studien überhaupt, auch wenn es den Begriff damals noch nicht gab.
Hier liegt dann auch die Gefahr: Manche nutzen das Wissen um den Placebo-Effekt bewusst aus, um Menschen in echter Not teure, eigentlich wirkungslose Produkte zu verkaufen.
3 Dinge, die den Placebo-Effekt für uns arbeiten lassen
- Neues mit echter Vorfreude beginnen, statt es nur zweifelnd halbherzig auszuprobieren oder pflichtbewusst abzuhaken. Denn die Wirkung könnte echt sein.
- Eine wahrnehmbare Wirkung als real anerkennen, statt sie vorschnell als Einbildung abzutun.
- Aber auch: Bei einem verlockenden Heilsversprechen prüfen, wo die eigene Anfälligkeit am größten ist – bei einer Matratze für Super-Schlaf, einem Energie-Kärtchen für Super-Power, einer Anti-Aging-Behandlung oder Detox-Kur, die Jugend und Gesundheit auf einen Schlag verspricht.
Wenn du heute nur eine Sache tust
- Eine wahrgenommene Verbesserung würdigen, und dann überlegen: Was könnte außer dem einen Mittel selbst noch dazu beigetragen haben?
Ein Zitat, über das ich nachdenke
„Medikamente sind nicht immer nötig. Der Glaube an die Genesung immer.“
Norman Cousins lehrte medizinische Humanwissenschaften an der University of California, Los Angeles. Nach einer schweren rheumatischen Erkrankung beschrieb er, wie sehr Zuversicht seine Genesung mittrug, neben Medizin als weiterem Baustein.
Resümee
Der Placebo-Effekt ist weder Beweis noch Widerlegung der Wirkung eines Mittels. Er gehört zu jeder Wirkung dazu – real, erforschbar, und ein Grund, ernsthaft zu hoffen, ohne leichtgläubig zu werden.
In genau diesem Sinne hoffnungsvolle Grüße,
deine
Ulrike
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Quellen – woher die Zahlen stammen und wie man sie einordnden kann
- Placebo-Effekt, differenziertes Bild nach Krankheitsbild: Hróbjartsson A, Gøtzsche PC. „Placebo interventions for all clinical conditions." → Cochrane Database of Systematic Reviews 2010, Issue 1, Art. No.: CD003974 (Meta-Analyse, ca. 200 randomisierte Studien am Menschen mit unbehandelter Kontrollgruppe
- Regression zur Mitte als Erklärungsfaktor: https://flexikon.doccheck.com/de/Placebo-Effekt
- Historisches Experiment mit Perkins-Metallstäben, Dr. John Haygarth, Bath 1799, sowie Wortgeschichte „Placebo“ (William Cullen, 1772) → Fallbeschreibung, n = 5 Patient:innen mit Rheuma)
- Healthy-Adherer-Effekt: Simpson SH et al. „A meta-analysis of the association between adherence to drug therapy and mortality." BMJ 2006;333:15 → systematische Übersichtsarbeit, 21 Studien mit 46.847 Teilnehmenden, davon 8 mit Placebo-Arm/19.633 Teilnehmenden)
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Mehr von mir zum Lesen und Hören – aktuell:
- Ulrike Scheuermann: Endlich ganz gesund – dein Leben lang. YUNA, Verlagsgruppe Penguin Random House / Random House Audio. 2026.
Der Denkanstoß
Jeden Sonntag schreibe ich einen Denkanstoß: mit psychologischen Impulsen – zu Logosynthese®, persönlicher Entwicklung, Verbundenheit und ganzheitlicher Gesundheit. Gründlich recherchiert, wissenschaftlich belegt und mit 30 Jahren Erfahrung als Psychologin fundiert – dazu Gedanken zu KI, Schreiben und gesundem Arbeiten.
Immer aus meinem eigenen Kopf, nicht aus dem einer KI.
