Über echten Halt in Krisen und die Frage, ob wirklich alles wieder gut wird
– Was, wenn eine Krise nicht überwunden werden muss, um richtig gelebt zu sein? Über Kontakt, Halt – und die Erzählung von der Krise als Chance, die nicht für jeden aufgeht | Jede Woche ein neuer Denkanstoß von Ulrike Scheuermann
Für meinen Podcast „Ein gutes Gefühl“ habe ich mit der renommierten Diplom-Psychologin und vielfachen Bestsellerautorin Dr. Bärbel Wardetzki über den Umgang mit Krisen gesprochen. Wir kennen uns schon viele Jahre, und ich bin beeindruckt von ihrer Arbeit und Art, die Inhalte zu vermitteln. Seit über 40 Jahren forscht und schreibt sie zu Selbstwert, Kränkung und Narzissmus – mit großer Klarheit, ohne es sich oder anderen leicht zu machen.
Wesentlich ist – auch in Krisen – der Kontakt zu sich selbst und anderen
Ein Satz hat mich besonders erreicht: „Wenn das Leben uns aus der Bahn wirft, verlieren wir nicht unsere Stärke – wir verlieren nur den Kontakt zu ihr.“
Das trifft etwas, das ich in meinen zehn Jahren Arbeit im Berliner Krisendienst umfassend gelernt habe: In der akuten Krise geht es zuerst um Kontakt – zu sich selbst und zu anderen.
Seit Langem stört mich die Erzählung von der „Krise als Chance“: als gäbe es immer einen Höhepunkt, dann die Wende zum Guten – und am Ende einen Menschen, der reifer und gestärkt daraus hervorgeht.
Diese Vorstellung setzt viele unter Druck.
„Posttraumatisches Wachstum“ – oft nur eine nachträgliche Umdeutung?
Und sie hält einer genaueren Prüfung nicht immer stand. So haben Forschende vor vier Jahren die Forschung zum sogenannten „posttraumatischen Wachstum“ geprüft und kamen zu einem deutlichen Schluss: Die Befunde beruhen fast ausschließlich auf Befragungen, bei denen Menschen im Rückblick einschätzen, wie sehr sie gewachsen sind. Vergleichswerte von vorher gibt es kaum. Ein Teil des vermeintlichen Wachstums dürfte deshalb eher eine tröstliche, nachträgliche Umdeutung sein als eine tatsächliche Veränderung. Selbst die Begründer des Konzepts, Richard Tedeschi und Lawrence Calhoun, betonen: Wachstum nach einer Krise ist weder garantiert noch nötig, um als genesen zu gelten.
Nicht alles wird im einzelnen Leben wieder besser
Manche Krisen enden einfach nicht gut. Menschen werden schwer krank und bleiben es. Jemand wird zu Unrecht verurteilt und verbringt sein restliches Leben im Gefängnis. Im Großen gilt das erst recht: Die Klimakrise oder das Erstarken der Rechtsextremen folgt keiner Erzählung von Höhepunkt und Erlösung – es kann lange schlimmer werden, bevor sich etwas erholt, wenn überhaupt in unserer Lebenszeit.
Damit zu leben, ohne es vorschnell zu deuten, heißt in der Psychologie Ambiguitätstoleranz: die Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten, ohne sie sofort in eine gute oder schlechte Geschichte zu zwingen.
Deshalb würde ich Bärbel Wardetzkis Satz gern weiterdenken: Vielleicht zählt weniger, ob eine Krise überwunden wird, als wie unser Kontakt zu uns selbst gerade ist – unabhängig vom Ausgang.
3 Wege, um in einer Krise Kontakt zu sich selbst zu halten
Den eigenen Kontakt zu sich selbst kurz prüfen, jeden Tag: Wie atme ich? Wie spüre ich meinen Körper? Wie fühlt sich das eigene Innere gerade an? Welche Emotionen sind da?
Die Erwartung an ein gutes Ende der gerade schwierigen Situation bewusst einmal beiseitelegen. Loslassen.
Sich fragen, was es mit einem macht, wenn eine Situation nicht besser wird. Wie würde ich dauerhaft damit leben?
Wenn du heute nur eine Sache tust
Erkunden: Was wäre, wenn es dieses Mal nicht wieder besser würde? Und was bliebe dann trotzdem im Kontakt zu mir selbst? Was bliebe von mir? Wer wäre ich dann weiterhin?
Ein Zitat, über das ich nachdenke
„Habe Geduld mit allem, was ungelöst ist in deinem Herzen, und versuche, die Fragen selbst liebzuhaben.“
Rainer Maria Rilke schrieb das 1903 in einem Brief an einen jungen Dichter, der ungeduldig auf Antworten wartete. Er dachte über Ambiguitätstoleranz lange, bevor es den Begriff gab, nach.
Ich finde, sein Satz nimmt das Ungelöste ernst, statt es vorschnell aufzulösen.
Krisen können unendlich schwer sein, und sie sind offen. Aus manchen entsteht Wachstum, und andere bleiben, was sie sind: schwer. Vielleicht hilft es, sich weniger auf einen guten Ausgang auszurichten, und mehr auf den Kontakt zu sich selbst, der uns durch beides trägt?
Verbundene Grüße,
deine
Ulrike
Quellen: Woher die Zahlen stammen und wie man sie einordnen kann
- Kritik am „posttraumatischen Wachstum": Vorträge auf der Jahrestagung der Association for Psychological Science, Mai 2022, Chicago.
—> Menschliche Stichproben; Studientyp der zugrundeliegenden Forschung überwiegend retrospektive Befragungsstudien ohne Vergleichswerte von vor dem belastenden Ereignis. Genaue Teilnehmerzahlen sind in der Übersicht nicht einheitlich benannt und lassen sich ohne Zugriff auf die Originalstudien nicht seriös angeben. - Tedeschi & Calhoun, Begründer des Konzepts des Posttraumatischen Wachstums: Klarstellung, dass Wachstum nach Krisen weder garantiert noch notwendig ist – zitiert über obige Quelle, Originalarbeit von mir nicht direkt geprüft.
Der Denkanstoß
Jeden Sonntag schreibe ich einen Denkanstoß: mit psychologischen Impulsen – zu Logosynthese®, persönlicher Entwicklung, Verbundenheit und ganzheitlicher Gesundheit. Gründlich recherchiert, wissenschaftlich belegt und mit 30 Jahren Erfahrung als Psychologin fundiert – dazu Gedanken zu KI, Schreiben und gesundem Arbeiten.
Immer aus meinem eigenen Kopf, nicht aus dem einer KI.
