Durch Worte mit ihrer verdichteten Kraft in eine neue Stimmung kommen
– Wenn wir tief in jedes Wort einsinken, den Klang genießen und in die verdichtete Form hineingehen, finden wir dort so viel mehr als in jedem noch so langen, überflogenen Text.
Mitten im Auflösen der Wohnung meiner Eltern, und damit auch im Neu-Verstehen und -Verabschieden meiner Kindheit, nahm ich einige Gedichtbände in die Hand. Statt sie sofort auf den passenden Stapel zu sortieren, schlug ich sie kurz an beliebiger Stelle auf. Die Worte trafen mich sanft und unerwartet und erinnerten mich an meine Jugend, als ich häufiger als heute in lyrischen Sprachwelten lebte.
Meine Eltern leben jetzt im Pflegeheim, und ich kann die Beziehung zu beiden noch weiterentwickeln. Die Bände wanderten vom Stapel in meine Tasche und abends auf meinen Nachttisch.
Seitdem lese ich zum Tagesausklang zwei, drei Gedichte, mal zufällig aufgeschlagen, mal das eine wieder und wieder, das mich besonders berührt hat. Ich lasse die Worte einsinken und suche ihre Gestalt, die Stimmung darin und die Welt, die sie öffnen.
Und meine Mutter lerne ich gerade noch von anderen Seiten kennen, und manchmal ist unsere Freude, einander zu treffen, ganz rein und vollkommen.
Mein Schlaftracker zeigt mir in diesen Wochen mehr Tiefschlaf und längere Traumphasen, obwohl die Belastung hoch ist: das Kümmern um meine Eltern an ihrem Lebensabend, die Wohnungsauflösung und viel Arbeit.
Diese Wirkung bei mir ist ein Einzelfall und sagt wissenschaftlich wenig. Die Forschung gibt aber Anhaltspunkte, auch wenn die Datenlage für die Wirkung des Lesens von Lyrik recht dünn ist.
Aber warum nicht ausprobieren, wie es im eigenen Fall wirkt?
3 Wege, Lyrik in den Alltag zu holen
- Abends ein Gedicht finden und ohne Erwartung lesen, dann mit in den Schlaf nehmen. Mit welchem Gedicht möchtest du heute einschlafen?
- Ein Gedicht laut lesen, langsam und zwei-, drei-, viermal. Ein Wort oder eine Zeile erleben, die besonders berührt. Welche Zeile klingt noch nach, wenn das Gedicht zu Ende ist?
- Über die Schönheit der Sprache staunen und die verdichtete Form genießen. Welcher Klang, welches Bild, welche Pause in einem Gedicht erfreut dich besonders?
Wie diese Verdichtung klingt, zeigen Gedichte zu den großen Themen des Lebens, die mir gerade im Sinn sind.
3 Gedichte zu großen Themen, die mein Herz öffnen:
- Natur: Wenn aber der Wind / zuweilen von der ganzen / blühenden Welt, / den Duft und Samen / zusammenträgt / und ihn auf der Berge / Wipfel hängt, / so werden auch sie / berauscht. – Bettina von Arnim.
- Weisheit: Und wieder rauscht mein tiefes Leben lauter, als ob es jetzt in breitern Ufern ginge. Immer verwandter werden mir die Dinge und alle Bilder immer angeschauter. Dem Namenlosen fühl ich mich vertrauter: Mit meinen Sinnen, wie mit Vögeln, reiche ich in die windigen Himmel aus der Eiche, und in den abgebrochnen Tag der Teiche sinkt, wie auf Fischen stehend, mein Gefühl. – Rainer Maria Rilke.
- Transzendenz, bekannt, aber deshalb nicht weniger vollkommen: Es war, als hätte der Himmel / die Erde still geküsst, / dass sie im Blütenschimmer / von ihm nun träumen müsst. // Die Luft ging durch die Felder, / die Ähren wogten sanft, / es rauschten leis’ die Wälder, / so sternenklar war die Nacht. // Und meine Seele spannte / weit ihre Flügel aus, / flog durch die stillen Lande, / als flöge sie nach Haus. – Joseph von Eichendorff.
Mit nachklingenden Grüßen von
Ulrike
Quellen: Woher die Zahlen stammen und wie man sie einordnen kann
- Bibliotherapy: The Therapeutic use of Fiction and Poetry in Mental Health (systematisches Review). Für Poesietherapie fehlen bisher aussagekräftige Studien, hilfreich scheint sie vor allem in Gruppen mit geschulter Leitung
Jakobson, R. (1960): Closing statement: Linguistics and poetics. In: Sebeok, T. A. (Hrsg.): Style in Language. Cambridge, MA: MIT Press, 350–377. → Gedichte lenken die Aufmerksamkeit auf Klang, Rhythmus und Wiederholung (poetische Funktion der Sprache). Sprachwissenschaftliche Theorie, keine Wirkungsstudie. - Gualano, M. R. et al. (2017): The long-term effects of bibliotherapy in depression treatment: Systematic review of randomized clinical trials. Clinical Psychology Review, 58, 49–58. PubMed → Untersucht wurden Selbsthilfebücher, keine Lyrik.
- Kissler, J., Herbert, C., Peyk, P. & Junghöfer, M. (2007): Buzzwords: Early cortical responses to emotional words during reading. Psychological Science, 18(6), 475–480. → Emotionale Wörter lösten schon nach 200 bis 300 Millisekunden verstärkte Hirnreaktionen aus und blieben besser im Gedächtnis (Konnotation, der Gefühlswert eines Wortes). Laborstudie mit Hirnstrommessung (EEG), sie zeigt, was Worte im Moment auslösen.
- Lieberman, M. D., Eisenberger, N. I., Crockett, M. J., Tom, S. M., Pfeifer, J. H. & Way, B. M. (2007): Putting feelings into words: Affect labeling disrupts amygdala activity in response to affective stimuli. Psychological Science, 18(5), 421–428. PubMed → Wenn Versuchspersonen ihre Gefühle in Worte fassten, reagierte die Amygdala (ein Hirnbereich, der auf Bedrohliches anspricht) schwächer auf belastende Bilder, und ein Bereich im rechten unteren Stirnhirn wurde aktiver. Laborstudie mit Bildgebung. Ob Gedichte denselben Effekt haben, ist offen.
- Wassiliwizky, E., Koelsch, S., Wagner, V., Jacobsen, T. & Menninghaus, W. (2017): The emotional power of poetry: Neural circuitry, psychophysiology and compositional principles. Social Cognitive and Affective Neuroscience, 12(8), 1229–1240. DOI → Vorgetragene Gedichte lösten bei Hörenden Gänsehaut und intensive Gefühle aus, verbunden mit Aktivität im Belohnungssystem des Gehirns (Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik). Laborstudie, sie zeigt, was Worte im Moment auslösen. Für die drei letztgenannten Studien gilt: Eine Heilwirkung ist damit noch nicht belegt.
Der Denkanstoß
Jeden Sonntag schreibe ich einen Denkanstoß: mit psychologischen Impulsen zu persönlicher Entwicklung, Verbundenheit und ganzheitlicher Gesundheit.
Gründlich recherchiert, wissenschaftlich belegt und mit 30 Jahren Erfahrung als Psychologin fundiert – dazu Gedanken zu KI, Schreiben und gesundem Arbeiten.Immer aus meinem eigenen Kopf, nicht aus dem einer KI.
