Warum ein kräftiger Start in den Tag den Schlaf der kommenden Nacht vorbereitet | Jede Woche ein Denkanstoß von Ulrike Scheuermann
– Das Stresshormon Cortisol steigt morgens ganz von selbst an. Es macht uns wach und hilft uns, abends zur Ruhe zu kommen. Tageslicht und ein paar andere gesunde Gewohnheiten in der ersten Stunde unterstützen diesen Anstieg besonders wirksam.
Diesmal gibt es frische Nachrichten zur täglichen Routine, und zwar zu einer ohne zusätzliche Pflicht und Selbstoptimierungsstress:
Gefühlt schon immer laufe ich möglichst jeden Morgen meine Runde und begrüße den Tag: Wetter, Vögel und die anderen Frühaufsteher. Der Stanford-Professor für Neurobiologie und Augenheilkunde Andrew Huberman erklärt nun, was genau das im Körper auslöst, und da der Zusammenhang mit dem Umgang mit Stress interessant und recht neu ist, finde ich ihn einen eigenen Denkanstoß wert.
Stress verdient eine zweite Chance
Lange galt: Stress ist schlecht. Ich habe hier im Denkanstoß schon einmal beschrieben, wie sich belastender Dauerstress (Distress) von belebendem Eustress bei Herausforderungen und einzelnen, akuten Anlässen unterscheidet („eu“ ist griechisch für „gut“).
Zum Problem wird Stress nämlich nur dann, wenn die Erholung ausbleibt.
Der Cortisolgipfel am Morgen
Auch Cortisol gilt als schlecht, als das „böse“ Stresshormon. Doch es gehört zu den wichtigen Hormonen, die unser Körper natürlich benötigt. Cortisol stellt vor allem Energie bereit: In der ersten Stunde nach dem Aufwachen steigt es steil an, die Leber setzt Zucker frei, und wir werden hellwach. Am Abend sinkt der Cortisolspiegel im Körper wieder, was das Einschlafen erleichtert.
Was passiert, wenn der Morgengipfel nur flach ausfällt?
Laut Huberman dauern dann kleine Stressspitzen während des Tages länger, der Cortisolspiegel bleibt den Tag über höher und der Schlaf leidet.
Dazu passt eine Beobachtungsstudie mit über 4.000 Beamt:innen: Sie ergab, dass eine flachere Cortisolkurve über den Tag (also ohne ausgeprägten Gipfel am Morgen) mit höherem Sterberisiko einherging.
Und eine Auswertung von 80 Studien mit zusammen 36.823 Teilnehmenden fand heraus, dass flachere Verläufe mit schlechterer psychischer und körperlicher Gesundheit zusammenhängen.
Solche – nur beobachteten – Zusammenhänge sollten wir immer mit Vorsicht lesen, denn Beobachtungen können verzerrt sein, wie bei vielen Ernährungsstudien.
Interessant sind sie dennoch, und sie zeigen eine Tendenz, die dann in kontrollierten Studien genauer erforscht werden kann.
Angenommen, der Zusammenhang ist relevant – und darauf deutet vieles hin –, dann folgt daraus die Frage: Wie können wir den Cortisolgipfel am Morgen unterstützen?
Mehr Tageslicht am Morgen – und rotes Licht als Bonus
Besonders mit Licht: In einer (recht kleinen, weitere werden folgen) Studie mit 14 gesunden Männern stieg der Gipfel bei einer Stunde hellem Licht am frühen Morgen um rund 35 % (!) stärker an als ohne diesen Lichtreiz.
Auch von anderer Seite als in Bezug auf direktes Tageslicht kommen Hinweise zur positiven Lichtwirkung: Sonnenlicht enthält auch langwelliges rotes Licht, das die Mitochondrien, die Kraftwerke der Zellen, unterstützt. Der Professor für Augenheilkunde Glen Jeffery fand zum Beispiel: Drei Minuten rotes Licht (670 Nanometer) am Morgen verbesserten unter anderem die Sehkraft und Farbkontrastwahrnehmung mindestens eine Woche lang. Mittags dagegen war kein Effekt messbar.
Ein Grund mehr, morgens hinauszugehen.
5 Wege für einen guten Start in den Tag und einen kräftigen Cortisol-Morgengipfel
- Tageslicht in der ersten Stunde nach dem Aufwachen, am besten draußen; auch ein bedeckter Himmel ist viel heller als jede Zimmerlampe. Im Innenraum und in der dunklen Jahreszeit hilft eine Therapielampe mit einer Lichtstärke von mindestens 10.000 Lux. Zimmerlampen kann man diesbezüglich vergessen: Sie kommen mit etwa 100 bis 500 Lux nur auf einen Bruchteil davon.
- Gleich am Morgen Wasser trinken.
- Sich bewegen, am besten mit Auspowern und möglichst ebenfalls in der ersten Stunde oder am Vormittag.
- Kältereiz als Zugabe: etwas zu leicht anziehen und dann rausgehen und sich „warmbewegen“. Kalt duschen – auch daran kann man sich rasch gewöhnen. Kälte lässt vor allem Adrenalin und Dopamin ansteigen und macht wach.
- Am späten Nachmittag nochmals Tageslicht tanken; Huberman, dessen Forschung dem Sehen gilt, vermutet, dass das Nachmittagslicht die schädliche Wirkung von Bildschirmlicht am Abend abmildert.
Wenn du heute früh und demnächst nur eine Sache tust
- Zehn Minuten vor die Tür, am besten durch ein Fleckchen Natur stromern. Wie ist das Licht? Wonach riecht die Luft, schon nach Herbst? Wen treffe ich von den anderen Frühaufstehern?
Ein Zitat, über das ich nachdenke
„Ich verkaufe Natur.“
– Andrew Huberman.
Ein Neurobiologe, der in seinem neuen Buch rund 50 Anleitungen („Protocols“) vorstellt, betont, dass das Wichtigste gratis sein kann. Finde ich super! Die Natur gibt uns vieles, was wir am dringendsten benötigen, und manches Künstliche, was wir zu brauchen meinen, tut uns nicht gut, etwa hochverarbeitete Lebensmittel mit langen Zutatenlisten, helles Bildschirmlicht am Abend – oder eben: dämmeriges Hineingleiten in den Tag.
Lichtvolle Grüße,
deine
Ulrike
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Quellen: Woher die Zahlen stammen und wie man sie einordnen kann
- Scheer F. A., Buijs R. M. (1999): Light affects morning salivary cortisol in humans. J Clin Endocrinol Metab 84(9):3395–3398. → Experiment am Menschen mit 14 gesunden Männern: eine Stunde Licht (800 Lux) am frühen Morgen im Vergleich zu Dunkelheit, Cortisol nach dem Aufwachen rund 35 % höher. Kleine Stichprobe, nur Männer.
- Kumari M. et al. (2011): Association of diurnal patterns in salivary cortisol with all-cause and cardiovascular mortality: Whitehall II. J Clin Endocrinol Metab 96(5):1478–1485. → Beobachtungsstudie mit 4.047 britischen Beamt:innen (im Mittel 61 Jahre), Speichelproben über einen Arbeitstag, rund 6 Jahre Nachbeobachtung: Ein flacherer Abfall im Tagesverlauf ging mit höherem Sterberisiko einher. Achtung: Das zeigt einen Zusammenhang, keine Ursache. Der Morgenwert allein sagte die Sterblichkeit in dieser Studie nicht voraus.
- Adam E. K. et al. (2017): Diurnal cortisol slopes and mental and physical health outcomes: A systematic review and meta-analysis. Psychoneuroendocrinology 83:25–41. → Meta-Analyse von 80 Studien (179 Zusammenhänge) mit zusammen 36.823 Teilnehmenden: Flachere Cortisol-Tagesverläufe gingen mit schlechterer psychischer und körperlicher Gesundheit einher (kleiner bis mittlerer Zusammenhang, r = 0,15). Achtung: zeigt Zusammenhänge, keine Ursache.
- Shinhmar H. et al. (2021): Weeklong improved colour contrasts sensitivity after single 670 nm exposures associated with enhanced mitochondrial function. Scientific Reports. → Experiment am Menschen mit 20 Erwachsenen (34–70 Jahre): drei Minuten 670-nm-Licht am Morgen (8–9 Uhr) verbesserten die Farbkontrastwahrnehmung um 12 bis 17 %, mindestens eine Woche lang; mittags (6 Personen) kein Effekt. Kleine Stichprobe, teils streuende Daten.
- Powner M. B., Jeffery G. (2024): Light stimulation of mitochondria reduces blood glucose levels. Journal of Biophotonics. → Randomisierte kontrollierte Studie mit 30 gesunden Erwachsenen (15 Rotlicht, 15 Kontrollgruppe): 15 Minuten 670-nm-Licht, 45 Minuten vor einem Zuckertest; der Blutzuckeranstieg lag im Zwei-Stunden-Durchschnitt 27,7 % niedriger, der Spitzenwert 7,5 %. Nur Gesunde untersucht, kleine Stichprobe.
- Andrew Huberman: Protocols – Die Gebrauchsanweisung für den menschlichen Körper. Droemer Knaur, erscheint in dieser deutschen Fassung am 1. Oktober 2026. Ich habe bereits auf Englisch gelesen – sehr empfehlenswert.
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Mehr von mir zum Lesen und Hören – aktuell:
- Ulrike Scheuermann: Endlich ganz gesund – dein Leben lang. YUNA, Verlagsgruppe Penguin Random House / Random House Audio. 2026.
Der Denkanstoß
Jeden Sonntag schreibe ich einen Denkanstoß: mit psychologischen Impulsen – zu Logosynthese®, persönlicher Entwicklung, Verbundenheit und ganzheitlicher Gesundheit. Gründlich recherchiert, wissenschaftlich belegt und mit 30 Jahren Erfahrung als Psychologin fundiert – dazu Gedanken zu KI, Schreiben und gesundem Arbeiten.
Immer aus meinem eigenen Kopf, nicht aus dem einer KI.

