Wie Vergleiche uns klein machen oder andere auf Abstand halten
– Vergleiche nach oben wie nach unten kosten Verbundenheit. Sie treffen uns besonders, wenn wir überlastet oder einsam sind, und sie lassen sich bewusst machen.
es passiert mir vielleicht alle paar Monate mal: Ich scrolle ein paar Minuten ungeschützt durch Instagram und fühle mich später am Tag seltsam unzulänglich. Erst dann fällt mir dieser eine Erfolgsbeitrag mit dem gestylten Foto vom Vormittag ein.
Auffällig oft geschieht mir so etwas, wenn ich ohnehin selbstwertwackelig bin: manchmal von Arbeit überlastet oder von zu vielen Eindrücken überreizt, ein wenig fern von den Menschen, die ich liebe. Das ist meine Beobachtung, keine Studie. Ich bin sogar ein bisschen froh, dass es mich gelegentlich erwischt. So verstehe ich besser, was Menschen erleben, die zu mir in Seminare, in die Einzelbegleitung oder in die Jahresgruppe kommen.
Wenn der Blick nach oben uns klein macht
Mit den Menschen, die ich begleite, suchen wir nach den Auslösern von Selbstabwertung und stoßen erstaunlich oft auf den sogenannten „Vergleich nach oben“. Das ist der Blick auf Menschen, die scheinbar mehr haben, darstellen oder können. Der Sozialpsychologe Leon Festinger beschrieb 1954 in seiner bis heute einflussreichen Theorie der sozialen Vergleichsprozesse, dass wir uns mit anderen vergleichen, um uns selbst einzuschätzen, vor allem wenn uns ein objektiver Maßstab fehlt. Die spätere Forschung unterschied dann Vergleiche nach oben und nach unten.
Online begegnet uns der Vergleich nach oben ständig, und auf dem Handybildschirm sehen wir fast nur die – oft geschönten – Höhepunkte. Auch wenn wir das wissen, wirkt es trotzdem: Wissen und Fühlen laufen nicht im Gleichschritt. Dass der Vergleich online tatsächlich auf Stimmung und Selbstbild wirkt, zeigt auch die Forschung. In meinem Podcast „Ein gutes Gefühl“ spreche ich in der aktuellen Folge darüber. Wie befreiend Humor sein kann, zeigt die Komikerin Celeste Barber: Sie stellt seit 2015 die Posen von Prominenten nach. Alle Quellen mit Links findest du unten.
Ich erlebe diesen Vergleich nach oben als ein äußerst unseliges Beziehungsgeschehen. Wir stellen uns neben jemanden, den wir meist kaum kennen, schrumpfen neben dieser Person und verlieren dabei den Kontakt zu uns selbst.
Auch der Vergleich nach unten kostet Verbundenheit
Manche Menschen vergleichen sich vor allem nach unten: Andere sind weniger erfolgreich, wohlhabend, gesund oder klug. Das gibt kurz Genugtuung und Sicherheit. Aus meiner Erfahrung überdeckt es oft Kleinheitsgefühle. Es hat seinen Preis: Menschen haben ein feines Gespür dafür, ob jemand auf Augenhöhe ist. Das Gegenüber nimmt wahr, wie jemand sich über andere stellt, und rechnet damit, selbst als Nächstes einsortiert zu werden.
Je weniger Verbundenheit wir erleben, desto mehr Raum nimmt der Vergleich ein.
3 Dinge, die beim sozialen Vergleichen helfen können
- Beobachten, möglichst mit Tagebuch, über einige Zeit hinweg: Wann und wodurch entsteht bei mir sozialer Vergleich? Etwa bei innerer Leere, Sehnsucht nach Kontakt, Einsamkeit, einem Selbstwerttief?
- Fragen, was dahinter fehlt: Was vermisse ich gerade? Echten Kontakt? Nähe? Zuspruch und Wertschätzung?
- Wahrnehmen, was der Vergleich anrichtet: Was macht dieses Vergleichen mit mir, nach unten wie nach oben? Wie fühle ich mich zehn Minuten danach?
Wenn du heute nur eine Sache tust
- In echten Kontakt gehen, gerade mit einem Menschen, den wir bisher über uns stellen. Im Gespräch kommt die Person auf Augenhöhe, wir erkennen sie als ebenfalls unvollkommen, und das spielt dann kaum noch eine Rolle. Unvollkommenheit verbindet, Perfektion schafft Distanz.
Ein Zitat, über das ich nachdenke
„Der Vergleich ist der Dieb der Freude.“
Dieses Zitat wird dem früheren US-Präsidenten Theodore Roosevelt zugeschrieben. Egal, ob es nun von ihm stammt oder ihm nur in den Mund gelegt wurde, um ihm mehr Gewicht zu verleihen: Es beschreibt genau, was beim Social-Media-Scrollen geschieht. Etwas Schönes liegt vor uns, und plötzlich fehlt uns die Freude daran. Mir gefällt das Bild des Diebs, denn er kommt leise, und wir bemerken den Verlust oft erst Stunden später.
Vergleiche werden immer stattfinden. Wir können ihre Wirkung aber verändern, sobald wir sie bemerken, und uns künftig weniger vergleichen und dafür mehr mit anderen verbinden.
Verbundene Grüße, deine
Ulrike
Quellen: Woher die Zahlen stammen und wie man sie einordnen kann
- Vergleiche und Stimmung: Die eine Hälfte der 112 Studentinnen surfte zehn Minuten auf dem eigenen Facebook-Profil, die andere auf einer neutralen Website. Danach war die Stimmung in der Facebook-Gruppe schlechter, am deutlichsten bei Frauen, die ohnehin zu Vergleichen neigen: Fardouly et al. (2015): Social comparisons on social media: The impact of Facebook on young women’s body image concerns and mood, Body Image 13, 38–45. → Experiment mit Menschen, mit Kontrollgruppe. Einschränkung: nur junge Frauen, nur kurzer Zeitraum.
- Vergleiche und Körperbild: Vergleiche in sozialen Medien hängen mit mehr Sorgen ums Körperbild und mehr Essstörungssymptomen zusammen: Bonfanti, R. C., Melchiori, F., Teti, A., Albano, G., Raffard, S., Rodgers, R. & Lo Coco, G. (2025): The association between social comparison in social media, body image concerns and eating disorder symptoms: A systematic review and meta-analysis. → Die Meta-Analyse fasst 57 Studien an Menschen zusammen (Zahl bitte im Abstract prüfen). Einschränkung: Querschnittsstudien zeigen Zusammenhänge, keine Ursachen. Dieser Unterschied geht in Medienberichten oft verloren.
- Humor gegen den Druck: Die australische Komikerin Celeste Barber nimmt dem Vergleich auf Social Media mit Humor den Druck. Ein Beispiel zum direkt Anschauen, der Basketball-Wurf
- Menschen vergleichen sich mit anderen, wenn es keinen objektiven Maßstab gibt. Leon Festinger (1954), Human Relations: Theorie der sozialen Vergleichsprozesse.
- Zum Zitat: Mir ist keine gesicherte Quelle bekannt, die „Der Vergleich ist der Dieb der Freude“ Theodore Roosevelt zuordnet.
Der Denkanstoß
Jeden Sonntag schreibe ich einen Denkanstoß: mit psychologischen Impulsen zu persönlicher Entwicklung, Verbundenheit und ganzheitlicher Gesundheit.
Gründlich recherchiert, wissenschaftlich belegt und mit 30 Jahren Erfahrung als Psychologin fundiert – dazu Gedanken zu KI, Schreiben und gesundem Arbeiten.
Immer aus meinem eigenen Kopf, nicht aus dem einer KI.
