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Denkanstoß: „Wo die Freude ist, gehts weiter“

„Wo die Angst ist, gehts weiter“. Das habe ich schon oft gehört. Viel zu oft. Angst als Kompass für Entwicklung? Nun, sicher haben wir manchmal Angst vor persönlichen Entwicklungsschritten, und dann ist Angst Teil des neuen Weges. Wir kriegen sie eh nicht weg aus unserem Leben. Doch es gibt wahrlich tauglichere und verlässlichere Motive für Entwicklung. 

Was zeigt mir, was zeigt uns, wie es weitergehen kann in unserem Leben?

Als Vierjährige hatte ich von meiner Schwester Turnkleidung geerbt. Schwarze Gymnastikhose, T-Shirt und diese Stoffschläppchen mit dünner Gummisohle, die Mädchen damals in der Turnstunde trugen. Vor Freude hopste ich

durch die Wohnung – und gegen einen Heizkörper. Eine Narbe an meiner Stirn ist bis heute geblieben. Ich wusste zwar manchmal kaum, wohin mit meiner Freude, aber damals schon war sie mein Kompass. In dem Fall zeigte sie mir, wie wichtig Bewegung. ein gutes Körpergefühl und Auslauf in meinem Leben sein würden.

Wenn ich zurückblicke, dann hat mich mein Leben lang diese machtvolle Kraft der Freude geleitet. Vor Kurzem habe ich mit Sabine Asgodom über Erfüllung gesprochen (Foto). Ich habe dabei eine inspirierende Gesprächspartnerin mit einem weiten Herzen näher kennengelernt. Durch dieses Erlebnis habe ich mich weiterentwickelt. Die Vorfreude, die Lust auf solch ein Gespräch hatten mich dazu gebracht, mich mit ihr zu verabreden.

Vor ein paar Jahren habe ich ein Konzept entwickelt, halte Vorträge und schreibe über „Schaffensfreude“: Es geht um die Freude daran, etwas ganz Eigenes zu schaffen, wie unbedeutend oder groß auch immer. Mit tiefer, kraftvoller Freude, die von innen kommt. So, wie wir früher gebastelt, gebaut, gemalt, gespielt haben – das ist genau die Haltung, die wir wieder kultivieren können: versunken, zeitvergessen, ohne Selbstbewertung und ohne Sorge darum, wie andere uns bewerten könnten.

Schaffensfreude kann beim Schreiben, beim kreativen Denken und inspirierten Reden stattfinden. Beim Ideen-Skizzieren, Wandern, Programmieren, Kochen, Lieben. Beim Einfach-zusammen-SEIN, wenn wir dabei eine besondere, einzigartige Beziehung gestalten. Und sie lässt sich ausdehnen: Auf die Vorfreude auf das, was entstehen wird; auf die Nachfreude mit Stolz auf das, was man geschaffen hat.

Die Idee von Freude als Entwicklungskompass und -antrieb ist wohl am besten erforscht von dem Chicagoer Psychologieprofessor Mihály Csíkszentmihályi: Im so genannten Flow sind Menschen in einem hochgestimmten, ja euphorischen Zustand. Wir gehen auf im Tun, wie Kinder beim Spiel. Wir SIND dann Freude. Viele andere berühmte Wissenschaftler haben zu diesem außergewöhnlichen Freude-Zustand geforscht: Abraham Maslow nannte es „Peak-Experience“, Maria Montessori „Polarisation der Aufmerksamkeit“, Kurt Hahn  „schöpferische Leidenschaft“.

Interessant für meinen Freude-Ansatz für persönliche Entwicklung ist nun Folgendes: Es gibt ein paar Voraussetzungen für diesen Zustand. Wir brauchen u.a. das richtige Maß von Herausforderung und Kompetenz-Zugewinn. Nur dann, wenn wir also weder über- noch unterfordert sind, bleiben wir im Flow. Deshalb suchen sich Menschen immer neue Herausforderungen und Entwicklungsanlässe und lernen dazu. Wir wollen uns entwickeln, weil wir dann in der Freude bleiben. Voilà: Freude als Antrieb. Was für eine überzeugende und schöne Idee, wie menschliche Entwicklung motiviert ist!

  • Was macht Ihnen besonders viel Freude, wann gehen Sie auf im Tun?
  • Was haben Sie früher am liebsten gemacht?
  • Was hindert Sie am Tun und Sein in Freude? – Angst vor (Selbst- und Fremd-)Bewertung, vor Unperfektheiten, Scheitern, Geldmangel?
  • Und was ist mit evtl. hartnäckiger Un-Freude in Ihrem Leben? (Wie) Kann sie weniger werden?
  • Was sagt Ihnen die Freude bei einer Tätigkeit, in einer Situation, mit einem Menschen über Ihren Weg? – „Ich will mehr davon“ oder sogar „Das ist meine Lebensaufgabe“?

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weiterdenken zu „freude“

• beim sehen & hören

Mitten während meines Buchschreibens habe ich mich mit Sabine Asgodom in der Urania Berlin getroffen und mit ihr über „Erfüllung“ – so heißt das letzte Kapitel in meinem Buch – gesprochen. Hier ist das Video: 20 min. freudig-philosophisches Gespräch über ein erfülltes Leben „Herz an Herz“.

• beim lesen

Und noch einmal Sabine Asgodom: In ihrem besonders schönen, neuen Buch beschreibt sie die Sehnsucht als unser Wissen um das, was wir brauchen, um glücklich zu sein. Sie inspiriert zur „Sehnsuche“: „Deine Sehnsucht wird dich führen – Wie Menschen erreichen, wovon sie träumen“ (Kösel 2016)

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