Top

Denkanstoß „Die erste Frage im Kontakt“

Stimmengewirr, Klingeln von Besteck gegen Porzellan, Small-Talk am Buffet. Ich geselle mich zu einem sympathisch aussehenden Mann. „Bestimmt so ein rühriger, innovativer Unternehmer“, denke ich mir. Ich liege richtig. Während wir das Gespräch vertiefen, breitet sich ein Gefühl von gegenseitigem Vertrauen aus. An einer Stelle im Gespräch wächst sogar eine gemeinsam entwickelte Idee: eine neue Form skalierbaren Einkommens. Wir reden weiter. Und dann stellt er mir eine Frage, die mich erst einmal perplex dastehen lässt.

 

Er fragt mich: „Wie kann ich dir helfen?“ Ich schlucke. Denn es gibt ja viele Menschen, die eher das Gegenteil fragen. Es gibt überall bedürftige Menschen, die sich vom Kontakt mit anderen Menschen Vorteile erhoffen: Anerkennung, Bewunderung, Tipps. Zuhören. Nützliche Verbindungen, einen lukrativen Auftrag, Geld. Anders dieser Mann. Er scheint gerade wirklich nichts haben zu wollen.

 

Geben statt Nehmen

„Geben statt nehmen“ heißt die Haltung hinter der Frage „Wie kann ich dir helfen?“, mit der man von Beginn an in Kontakt mit anderen Menschen treten kann. Die Frage muss gar nicht ausgesprochen sein. Es zählt die dahinter liegende Grundhaltung zu Beziehungen in Netzwerken. SIe ist für mich ein Schlüssel zu einem reichen und erfüllten Leben auf allen möglichen Ebenen.

 

Wenn jeder gibt, bekommt auch jeder etwas. Das Netzwerk funktioniert und trägt. Solche Netzwerke bestehen aus weit entwickelten Menschen, die über Mangelgefühle und Habenwollen hinausgewachsen sind. Es gibt dort keine Angst mehr, zu kurz zu kommen, und gerade deshalb kommt auch niemand zu kurz. Auch, weil weit entwickelte Menschen beides können: Geben und Nehmen. Es gibt dort aber keine puren Nehmer. Denn solche Netze können  auch löcherig werden.

 

Nehmer verlieren auf lange Sicht

Was ist, wenn jemand Löcher in das Netz reißt und ohne Bewusstsein für Grenzen alles daraus nimmt, was er kriegen kann? Was ist, wenn jemand keinen Sinn dafür hat, etwas zurück zu geben? Dann verausgaben sich die anderen. Was sie zu geben haben, rinnt durch die Löcher davon und irgendwann löst sich das Netz auf. Doch in der Regel erkennt man diese Menschen bald und Nehmer sollten aufpassen.

 

Denn wer anderen nichts nützt, verliert auf lange Sicht, das kann man in vielen Studien nachlesen, zum Beispiel in dem Sachbuch des Wissenschaftsautors Stefan Klein: „Der Sinn des Gebens – Warum Selbstlosigkeit in der Evolution siegt und wir mit Egoismus nicht weiterkommen“ (Fischer). Letztlich fallen Nehmer zurück. Stehen auf lange Sicht draußen. Aber da muss man sie ja nicht stehen lassen. Man kann ihnen zeigen, wie es auch anders geht.

 

Netzwerke des Gebens knüpfen

Wie können wir Netzwerke des „Geben-statt-Nehmen“ knüpfen?
Wir können unsere Haltung verändern: Nicht mehr „Ich brauche etwas“ sondern „Ich habe genug, das ich geben und womit ich helfen kann“. Wichtig dabei: Diese Haltung geht auch, wenn man sich noch nicht im Überfluss angekommen fühlt. Da würden wir lange warten.
Wir können überhaupt diesen unseligen Gedanken ablegen, wir müssten erst unsere Bedürfnisse erfüllt bekommen, um etwas geben zu können. Diese Vorstellung ist in der Psychologie heute weit verbreitet. Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Bedürfnisbefriedigung. Jetzt kommt etwas anderes.

 

Man kann sich leer, arm, klein fühlen und trotzdem – gerade – in Vorleistung gehen und etwas geben. Daraus wird eine Fülle entstehen, die etwas anderes ist als ein gestopftes Bedürfnisloch. Dazu habe ich ein Beispiel: In meinem Entwicklungsprogramm „Geldblockaden verstehen und lösen“ vermittle ich, wie Spenden dabei helfen, finanzielle Fülle zu entwickeln. Man kann ein Unterkonto eröffnen und sich per Sparauftrag monatlich Geld dorthin überweisen. Alle paar Monate ist Freudentag und man kann seine Spenden verteilen. Man ist eingetreten in den Fluss des Gebens und Nehmens.

 

Mir fiel dann auf die Frage meines Gegenübers doch etwas ein. Und als ich ihm antwortete, hatte ich eine richtig gute Idee, womit ich wiederum ihm helfen könnte. Aber beides verrate ich hier nicht – gegenseitiges Helfen ist manchmal besonders schön, wenn es verschwiegen bleibt.

 

Diesen denkanstoß: die erste frage im kontakt kannst du hier als schön gestaltetes 1-Seiten PDF lesen.

 

6 Comments
  • Andrea

    Im Grunde ist es doch nur ein „Nehmen“, oder? —

    Das mit dem „Geben und Nehmen“ stösst mir schon lange auf und funktioniert für mich immer weniger.
    BeREICHernde Beziehungen – egal ob privat oder beruflich – basieren aus meiner Sicht einzig und allein vom Nehmen.
    Ich nehme mir vom anderen, was mir gut tut, was mit meinen eigenen Wertvorstellungen in Resonanz geht. Ich bereichere mich am Anderen.
    Ohne dass dieser das Gefühl hat, zu geben! Er wird also durch das, was ich von ihm nehme, nicht ärmer. Er hat nicht das Gefühl des Verlustes! Im Idealfall kann er sich an mir ebenfalls bereichern, ohne dass ich „weniger“ werde…. 🙂
    „Geben und Nehmen“ – sorry, damit fängt für mich die Aufrechnerei an, das Bilanzieren, das eifersüchtige Wachen über „Dein“ und „Mein“, das Verbiegen, das Fordern, das Beleidigt-Sein, der Burnout etc……
    Oder habe ich einen Denkfehler drin?

    August 11, 2017 at 10:12 am Antworten
    • Ulrike Scheuermann

      Hallo Andrea,
      danke für deine Gedanken.
      Mir geht es in meinem Artikel um die Haltung des Gebens, also tatsächlich genau der andere Fokus als der, auf den du in deinem Kommentar fokussierst. Das Nehmen ist für mich ein anderer Fokus und mindestens einen eigenen Blogartikel wert. 😉 Dass ich in jedem Kontakt selbst auch bereichert werde, ist für mich klar. Aufrechnen führt in eine Sackgasse, da stimme ich dir sofort zu. Ich habe bewusst „Geben statt Nehmen“ geschrieben, mir geht es um die Haltung: Geben aus einer inneren Fülle heraus. Hier ist noch ein früherer Artikel von mir zu dem Thema: http://ulrike-scheuermann.de/wp-content/uploads/denkanstoss-archiv/Denkanstoss_2015_2_Geben-Nehmen_Ulrike_Scheuermann.pdf

      August 12, 2017 at 4:11 am Antworten
  • Christoph Prüm

    Hallo Ihr beiden,

    ein paar Gedanken dazu: Wir alle „benutzen“ zwangsläufig andere Menschen, das ist unabwendbar und fängt bei Kind und Mutter an. Für eine gute Sache habe ich keine Scheu andere zu benutzen, wenn die Sache wirklich gut ist wird es ihnen nicht schaden sondern nützen. Ich bin auch bereit mich benutzen zu lassen. NICHT im Gegenzug sondern grundsätzlich. Würde mich mich niemand benutzen wäre mein Leben sinnlos.

    Geben und Nehmen: Entscheidend scheint zu sein, dass Geben und Nehmen entkoppelt sind. Körperlich scheint die linke Seite zum Nehmen zu sein, die rechte zum Geben. Deshalb isst man vermutlich „vornehm“ auch mit der Gabel in der linken Hand. Das erklärt auch Christi Hinweis: „Deine Rechte Hand soll nic´ht wissen was die Linke tut“ (und umgekehrt). Entkoppeln halt.

    schön finde ich: …“den unseligen Gedanken ablegen, wir müssten erst unsere Bedürfnisse erfüllt bekommen, um etwas geben zu können“. Wie wahr. Irgendwann habe ich mal verstanden, dass das Spüren von Bedürfnissen in Richtung der anderen nur ein Hinweis ist für das was ich geben soll, eine Orientierungshilfe halt, sonst nichts. Das Bedürfnisloch, das Jammern hört dann irgendwann von selber auf.

    Gruß, Christoph

    September 3, 2017 at 10:57 am Antworten
    • Ulrike Scheuermann

      Hallo Christoph,
      danke für deinen Kommentar. Ich finde den Gedanken von dir wichtig: Geben und Nehmen sind entkoppelt. Ja, beides gehört nicht unbedingt zusammen.
      Herzliche Grüße zurück, Ulrike

      September 3, 2017 at 11:23 am Antworten
  • Christoph Prüm

    Da ist mir heute morgen zu Geben und Nehmen bzw. den Entsprechung rechts und links noch etwas eingefallen: Wenn wir uns bei einer Begrüßung beide die rechte Hand (das „schöne“ Händchen) geben, dann versichern wir uns damit gegenseitig, dass wir uns bei unserer zukünftigen Beziehung auf das Geben konzentrieren werden. Wir sagen damit, dass wir aufrichtig geben wollen und keine „linke“ Sache mit dem anderen vorhaben…
    Offensichtlich ist die Bedeutung einiger Gesten und Errungenschaften unserer Kultur komplett verloren gegangen oder war so nie bewusst.
    Christoph

    September 10, 2017 at 8:02 am Antworten
  • Ulrike Scheuermann

    Interessanter Gedanke, Christoph, danke dafür!

    September 10, 2017 at 1:59 pm Antworten

Post a Comment